Hamburger Eisenbahn- und Stadtgeschichte

Der Alte Güterbahnhof Barmbek

Vom Güterbahnhof an der Güterumgehungsbahn zum Stadtparkquartier — über 90 Jahre Güterverkehr zwischen Hellbrookstraße und Stadtpark, und was aus dem Gleisrevier wurde.

Eröffnet am 1. Oktober 190722 Gleise (1922)≈ 1.200 Wohnungen heuteBarmbek-Nord / Winterhude

Überblick

Ein Gleisrevier direkt am Stadtpark

Wo heute zwischen Hellbrookstraße, Alte Wöhr, Saarlandstraße und den Bahntrassen das Stadtparkquartier liegt, rollten über 90 Jahre lang Güterzüge.

Der Güterbahnhof Barmbek war einer der großen innerstädtischen Güterbahnhöfe Hamburgs. Er gehörte zur Güterumgehungsbahn, die seit 1902 den Güterverkehr um die überlasteten Kopfbahnhöfe herumführte. Kohle, Baustoffe und Lebensmittel wurden hier umgeschlagen; ein Anschlussgleis führte zum Barmbeker Stichkanal, ein weiteres zur U-Bahn-Hauptwerkstatt.

Nach der Stilllegung in den 1990er-Jahren wurde das Areal erst zum Flohmarktgelände, dann zur Baustelle: Seit 2014 entsteht hier das Stadtparkquartier mit rund 1.200 Wohnungen — in der Nachbarschaft bis heute schlicht „Alter Güterbahnhof“ genannt.

Historische Karte Barmbeks um 1867
Barmbek um 1867: bäuerliche Feldmark am Rande der Stadt — 40 Jahre später fuhren hier die ersten Güterzüge. Karte: Friedrich Voigt, gemeinfrei (Wikimedia Commons)

Zeitreise

Ein Bahnhof wird zum Quartier

Die wichtigsten Stationen von der Eröffnung bis heute — knapp 120 Jahre Barmbeker Gleisgeschichte.

1902

Die Güterumgehungsbahn entsteht

Die Lübeck-Büchener Eisenbahn nimmt das erste Teilstück der Güterumgehungsbahn zwischen Wandsbek und Rothenburgsort in Betrieb — der Güterverkehr wird fortan um die überlasteten Innenstadtbahnhöfe herumgeführt.

1.10.1907

Eröffnung des Güterbahnhofs Barmbek

Zusammen mit dem Güterverkehr zwischen Horn und Ohlsdorf wird der südliche Teil des Bahnhofs eröffnet. Zunächst stehen nur der Fachwerk-Güterschuppen an der Hellbrookstraße und die Gleise 3–8.

1912

Der Bahnhof wächst

Der Backstein-Güterschuppen mit Abfertigungsgebäude entsteht; die Gleise 9–15 kommen hinzu. Barmbek boomt — das Arbeiterviertel wächst rasant, die Hochbahn nimmt 1912 ihren Betrieb auf.

1922

Größte Ausdehnung

22 Gleise, fünf Ladestraßen, zwei Stellwerke: Der Bahnhof erreicht seine größte Ausdehnung. Kohle, Baustoffe und Lebensmittel werden umgeschlagen, ein Anschlussgleis führt zum Barmbeker Stichkanal.

1923

Der nördliche Teil entsteht

Zwischen Alte Wöhr und Rübenkamp entstehen fünf Abstell- und Ausziehgleise — ohne eigene Verladeeinrichtungen.

1929/30

Personen- und Güterverkehr trennen sich

Die S-Bahn erhält nördlich der Hellbrookstraße einen Damm, die Güterbahn eigene Gleise. Das Überführungsbauwerk ist bis heute erhalten.

1930er

Kohle für die Stadt

Eine Kohleverladestelle versorgt das Gaswerk an der Osterbek; neben dem Güterschuppen entsteht ein Gleichrichterwerk für die neue Gleichstrom-S-Bahn.

1941

Anschluss an das Ferngüternetz

Die Anbindung Richtung Lokstedt und Eidelstedt sowie die Güterstrecke nach Ohlsdorf entstehen — die Güterbahn ist nun weitgehend vom S-Bahn-Verkehr getrennt.

1945–1960er

Nachkriegszeit und erster Rückbau

Der Bahnhof übersteht den Krieg trotz Schäden. Doch die Fracht wandert zunehmend vom Gleis auf die Straße: Die Gleise 16–22 mit den Ladestraßen IV und V werden als Erstes aufgegeben.

1987

Letzte große Sonderfahrten

Zum Evangelischen Kirchentag starten und enden Sonderzüge am Gleis 15 — ein Nachklang der großen Zeit.

1990er

Stilllegung

Der Güterbahnhof Barmbek wird endgültig aufgegeben. 2000 wird auch das Übergabegleis zur U-Bahn-Hauptwerkstatt stillgelegt.

2001

Wettbewerb „Wohnen und Arbeiten am Stadtpark“

Die Deutsche Bahn Immobiliengesellschaft und die Stadt Hamburg schreiben einen städtebaulichen Realisierungswettbewerb aus. Gewinner: das Team Lorenzen/Becht aus Kopenhagen.

2005–2009

Abriss der Bahngebäude

Güterschuppen, Gleichrichterwerk und Werkstatt fallen; nur Restgleise und die Steinwand der Kohlenkippe am Stichkanal bleiben. Auf dem Gelände hat sich zuvor lange der Flohmarkt „Basar der Nationen“ gehalten.

11.12.2012

Die Dampfspeicherlok kehrt zurück

Die 1950 gebaute Hafenlokomotive „Tiefstack“ wird nach Restaurierung auf dem Kreisverkehr Wiesendamm/Fuhlsbüttler Straße aufgestellt — das „kleine blaue Wunder“ von Barmbek.

2014–2016

Das Stadtparkquartier entsteht

Erste Baufelder werden bebaut: „Stadtparkquartier 1.0“ mit Wohnungen und Kita (Juli 2015), das 12-geschossige Wohnhochhaus am Quartierseingang (März 2016).

Heute

Rund 1.200 Wohnungen am Stadtpark

Blockstruktur mit Quartiersplatz, Klinkerfassaden, Kitas und Nahversorgung: Das Stadtparkquartier ist fertig — und in der Nachbarschaft heißt es bis heute schlicht „Alter Güterbahnhof“.

Kapitel 1 — Entstehung

Eine Umgehungsbahn für den Güterverkehr

Um 1900 platzen Hamburgs Innenstadtbahnhöfe aus allen Nähten: Personen- und Güterverkehr teilten sich die Gleise der Verbindungsbahn. Die Lösung war eine Güterumgehungsbahn, die den Frachtverkehr östlich und nördlich um die Stadt herumführte. 1902 nahm die Lübeck-Büchener Eisenbahn das erste Teilstück zwischen Wandsbek und Rothenburgsort in Betrieb, 1903 wurde es an den Hauptgüterbahnhof angebunden. Noch vor dem Ersten Weltkrieg folgte die Verlängerung nach Ohlsdorf — und an ihr, zwischen Hellbrookstraße und der damaligen „Vorortbahn“ (der heutigen S-Bahn), entstand der Güterbahnhof Barmbek.

Am 1. Oktober 1907 wurde der südliche Teil des Bahnhofs eröffnet. Zunächst stand nur der Fachwerk-Güterschuppen mit angebauter Bahnmeisterei an der Hellbrookstraße; die Gleise 3–8 gehörten zum Güterbahnhof, die Gleise 1–2 zur Vorortbahn. 1912 kam der Backstein-Güterschuppen mit Abfertigungsgebäude hinzu (Gleise 9–15).

Der Standort war gut gewählt: Barmbek wuchs um 1900 rasant. Als der Bau der Speicherstadt ein Arbeiterquartier in der Innenstadt verdrängte, entstanden hier neue Wohngebiete — und die Bahn brachte die Kohle und die Baustoffe, die die wachsende Stadt brauchte.

Karte der Güterumgehungsbahn Hamburg
Die Güterumgehungsbahn (Karte, 2010) führte von Eidelstedt über Lokstedt und Barmbek nach Rothenburgsort — der Güterbahnhof Barmbek lag an ihrem nördlichen Abschnitt. Karte: Dirk Hillbrecht, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Kapitel 2 — Betrieb und Blüte

Kohle, Stahl und Ladestraßen

1922 erreichte der Bahnhof seine größte Ausdehnung: 22 Gleise, fünf Ladestraßen und zwei Stellwerke. Die wichtigste Fracht war Kohle: eine hölzerne Kohlenschüttanlage, eine Drehscheibenwaage mit Waggonkipper und ein Anschluss an den Barmbeker Stichkanal gehörten zur Ausstattung. In den 1930er-Jahren kam eine Kohleverladestelle hinzu, die das Gaswerk an der Osterbek per Bahn belieferte — die steinerne Wand der Kohlenkippe ist am Stichkanal bis heute zu sehen.

Auch technisch blieb der Bahnhof nicht stehen: Neben dem Güterschuppen entstand Ende der 1930er-Jahre ein Gleichrichterwerk für die neue Gleichstrom-S-Bahn, und über die Hellbrookstraße führte ein Anschlussgleis zur U-Bahn-Hauptwerkstatt. 1929/30 wurden Personen- und Güterverkehr getrennt — die S-Bahn erhielt einen eigenen Damm, die Güterbahn eigene Gleise. 1941 kam die Verbindung Richtung Lokstedt und Eidelstedt sowie die eingleisige Güterstrecke nach Ohlsdorf dazu.

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Bahnhof trotz Schäden und lief danach zunächst in vollem Umfang weiter. Die Güterumgehungsbahn hatte sich im Bombenkrieg bewährt: Wenn die Innenstadtstrecken ausfielen, übernahm sie die Umleitung der Züge.

Die Güterumgehungsbahn bei Hamburg-Hamm
Die Güterumgehungsbahn heute, am Horner Weg bei Hamburg-Hamm — dieselbe Strecke, an der der Güterbahnhof Barmbek lag. Foto: NordNordWest, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de

Kapitel 3 — Niedergang

Das Ende der Schienengüter

Nach dem Krieg verlor die Bahn Fracht um Fracht an den Lastwagen. Ab den 1950er-Jahren wurden erste Gleise aufgegeben: Die Gleise 16–22 mit den Ladestraßen IV und V fielen zuerst, dort entstand ein Autohaus. Die große Zeit des Barmbeker Güterbahnhofs war vorbei.

1987 starteten nur noch Sonderzüge zum Evangelischen Kirchentag am Gleis 15. In den 1990er-Jahren wurde der Güterbahnhof endgültig aufgegeben; 2000 folgte das Übergabegleis zur U-Bahn-Hauptwerkstatt. Danach lag das Gelände brach — und wurde zum Flohmarkt: Um den alten Backstein-Güterschuppen herum hielt sich lange der „Basar der Nationen“; 2004 fotografierte das Bildarchiv Hamburg die Stände zwischen Prellböcken und Laderampen.

„Der Bahnhof wurde Ende der 1990er Jahre aufgegeben — zwischenzeitlich als Flohmarktgelände genutzt.“ — Bildarchiv Hamburg, Beschreibung historischer Aufnahmen

Zwischen 2005 und 2009 fielen schließlich die letzten Bahngebäude: Güterschuppen, Gleichrichterwerk und Werkstatt wurden abgerissen. Übrig blieben nur Restgleise — und die alte Steinwand der Kohlenkippe am Stichkanal.

S-Bahnhof Barmbek
Der S-Bahnhof Barmbek — wenige hundert Meter südöstlich des einstigen Güterbahnhofs blieb er der Verkehrsmittelpunkt des Viertels. Foto: Raboe001, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Kapitel 4 — Neuplanung

Vom Gleisrevier zum Stadtquartier

Das Gelände zwischen Saarlandstraße, Alte Wöhr, den Bahntrassen und der Hellbrookstraße lag Ende der 1990er-Jahre kaum noch für Bahnzwecke genutzt in bester Lage — direkt am Stadtpark. 2001 schrieben die Deutsche Bahn Immobiliengesellschaft und die Freie und Hansestadt Hamburg als Eigentümer einen städtebaulichen Realisierungswettbewerb aus.

Gewonnen hat das Kopenhagener Team des Architekten und Stadtplaners Prof. Carsten Lorenzen und des Landschaftsarchitekten Peter Becht: Ihr Entwurf sah unter anderem einen zentralen Platz am Barmbeker Stichkanal mit Uferpromenade vor. Die Ideen wurden in den Folgejahren überarbeitet und in Bebauungspläne gegossen — Winterhude 11 / Barmbek-Nord 10 sowie der vorhabenbezogene Bebauungsplan Winterhude 45 für die Ecke an der Hellbrookstraße.

Der Rahmenplan von KBNK Architekten aus Hamburg sieht eine robuste Blockstruktur mit zentralem Quartiersplatz vor — rund 1.200 Wohnungen in unterschiedlichen Wohnformen, vom Geschosswohnungsbau bis zum Wohnhochhaus.

2012 kehrte ein Stück Industriegeschichte in die Nachbarschaft zurück: Die 1950 bei Arnold Jung gebaute Dampfspeicherlok „Tiefstack“, bis 1991 Werkslok im HEW-Kraftwerk Tiefstack, wurde restauriert und am 11. Dezember 2012 auf dem Kreisverkehr Wiesendamm/Fuhlsbüttler Straße aufgestellt — von der Presse liebevoll „kleines blaues Wunder“ getauft.

Das Wettbewerbsmotto 2001

„Wohnen und Arbeiten am Stadtpark“

Ausgelobt von der Deutschen Bahn Immobiliengesellschaft und der Freien und Hansestadt Hamburg im April/Mai 2001.

1.200 Wohneinheiten im Stadtparkquartier

Kapitel 5 — Das Stadtparkquartier

Klinker statt Kies

Seit 2014 wird das Areal in mehreren Bauabschnitten („Baufeldern“) bebaut. Das erste Wohngebäude — „Stadtparkquartier 1.0“ von Schenk Fleischhaker Architekten mit 19 Wohnungen und einer Kita an der Ecke Alte Wöhr/Saarlandstraße — wurde im Juli 2015 fertiggestellt. Am südlichen Quartierseingang entstand nach einem Entwurf von Frank Pawlik Architekten ein markanter Komplex mit einem 12-geschossigen Wohnhochhaus: im März 2016 fertig und schon vor Baubeginn vollständig vermietet.

An der Ecke Hellbrookstraße/Alter Güterbahnhof zogen Edeka und Budnikowsky in ein Wohn- und Geschäftshaus (Baufeld 2.7.b, Bauzeit 2014–2016). Die Klinkerfassaden in Rotbraun knüpfen an die Backsteinarchitektur der alten Eisenbahngebäude und des Stadtteils an — „das Stadtparkquartier setzt die Tradition der Klinkerarchitektur fort“, so ein Pressebericht von 2019.

Heute leben hier tausende Menschen: rund 1.200 Wohnungen in Blockstruktur, ein zentraler Quartiersplatz, Kitas, Nahversorgung — das Stadtparkquartier direkt am Stadtpark, auf dem Gelände des Alten Güterbahnhofs Barmbek.

Die Hellbrookstraße in Hamburg-Barmbek-Nord
Die Hellbrookstraße begrenzt das Quartier im Süden — hier stand einst der Fachwerk-Güterschuppen von 1907. Foto: NordNordWest, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de

Zahlen & Fakten

Der Bahnhof in Zahlen

0
Eröffnung des Bahnhofs (1. Oktober)
0
Gleise in der größten Ausbauphase (1922)
0
Ladestraßen für den Güterumschlag
0
Jahre Bahnbetrieb (1907–1990er)
0
Wohneinheiten im Stadtparkquartier
0
Geschosse des Wohnhochhauses am Quartierseingang

Lage

Wo alles lag

Der Güterbahnhof bestand aus zwei Teilen: dem älteren, südlichen Bereich zwischen Hellbrookstraße und Alte Wöhr und dem nördlichen Bereich entlang der S-Bahn bis Rübenkamp. Heute steht hier das Stadtparkquartier.

StadtparkWinterhudeAlte Wöhr (S-Bahn)RübenkampS-Bahn S1 & GüterumgehungsbahnQuartiersplatzEhemaliger Güterbahnhof Barmbek — StadtparkquartierBarmbeker StichkanalHellbrookstraßeAlte WöhrSaarlandstraßeWiesendammDampfspeicherlok „Tiefstack“ (Kreisverkehr Wiesendamm)WohnbebauungBahnstreckeStadtparkStichkanal
Vereinfachte Skizze, nicht maßstabsgetreu. Das ehemalige Gleisrevier lag zwischen Hellbrookstraße, Alte Wöhr, den Bahntrassen und der Saarlandstraße — direkt am Stadtpark.

Galerie

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